Venna Adler
Venna Adler

Ihr Lieben,

 

... und die Welt dreht sich weiter wurde inzwischen veröffentlicht. Doch ich möchte Euch weiterhin diese Leseprobe zur Verfügung stellen und spendiere noch eine kleine Inhaltsangabe:

 

"Was wäre wenn...? Stell Dir vor, Du erwachst eines Tages und bist der letzte Mensch auf Erden. Es gibt keinen Strom mehr, kein fließendes Wasser, keine Kommunikationstechnologie und niemand kann Dir sagen, was passiert ist! Denn Du bist vollkommen allein!

Supermärkte werden von Insekten und wilden Tieren übernommen, Löwen brechen aus Zoos aus und Wachsfiguren wecken tiefe Sehnsüchte!

Würde sich Deine Welt weiterdrehen?

Isi, die Hauptprotagonistin dieses emotionalen und spannenden Romans, schwankt zwischen der Angst, den Verstand zu verlieren und dem Gefühl endlich von den gesellschaftlichen Zwängen unserer Zivilisation befreit zu sein. Und so begibt sie sich auch eine abenteuerliche Reise, die im Norden Deutschland beginnt.

Doch ist Isi wirklich allein zurück geblieben?

Und was ist wirklich geschehen?

Kapitel 1 - Am Tag vor Tag 1

Es wird bereits dunkel, als ich aus dem Haus auf den Kieselsteinchenweg trete, der in einer geschlängelten Linie durch unseren Vorgarten führt. Die Steinchen knirschen unter meinen Füßen. Von der Straße, die am Haus entlang ins Naturschutzgebiet führt, dringt der Geruch nassen, dampfenden Teers zu mir herüber. Wie so oft in diesem Sommer hat es nach einem heißen Nachmittag gegen Abend geregnet. Kleine Pfützen haben sich in den abgesackten Stücken der Straße gebildet. Hier und da fallen noch leise Tropfen von den Bäumen zu Boden.

Fila, meine kleine braun gestromte Französische Bulldogge, wirbelt an mir vorbei und rennt ein Stück die Straße hinauf. Sie trinkt aus einer der Pfützen, läuft dann aber zügig weiter in das hohe Gras, das zu beiden Seiten der Straße wächst, um sich zu erleichtern.

Ich beschleunige meine Schritte. Fila springt einigen der kleinen Steinchen, die ich vor mir her trete, nach und beschnuppert sie interessiert, ehe sie zu mir zurückgelaufen kommt und mich aufmerksam betrachtet. Lächelnd tätschele ich ihr den kleinen runden Kopf, mit der winzigen feuchten Nase und den großen Augen und gehe weiter. Eine Weile laufen wir nebeneinander her auf die Autobahnbrücke zu, die gut 200 Meter entfernt ins Naturschutzgebiet führt.

Kurz schaue ich zurück auf unser Haus, das sich gemütlich zwischen die weiten Maisfelder zu kuscheln scheint. Wie eine schützende Mauer umgeben die hohen grünen Pflanzen unser Grundstück an den beiden, der Straße abgewandten Seiten. Fünf uralte große Linden, mit ausladenden dicht behangenen Ästen, an der Grundstücksgrenze zur Straße, versperren ein wenig die Sicht. Dennoch erkenne ich, dass im Wohnzimmer Licht brennt. Jan hat es sich wahrscheinlich vor seiner Spielekonsole gemütlich gemacht und versucht unseren Streit zu vergessen. Versucht, denke ich und lache verbittert in mich hinein. Wenn er diesen Scheiß Kasten erst einmal eingeschaltet hat, dann verschwindet die Welt um ihn herum. Er hat bereits vergessen. Ich wünschte, ich könnte auch einfach alles abstreifen. Aber so bin ich nicht.

Ich ziehe den Reißverschluss meiner Softshelljacke hoch, atme tief ein, nehme den Duft des Sommers in mich auf und versuche, die Traurigkeit aus meinem Herzen zu vertreiben, die mir das Atmen erschwert. Wieder ein Streit, der in mir das Gefühl von Ohnmacht erzeugt hat. Wir finden einfach keinen Weg aus dieser festgefahrenen Situation heraus. Unsere Liebe und vor allem die Zärtlichkeit, die früher zwischen uns war, haben sich im Alltag verloren.

Als Fila die Autobahnbrücke vor mir hinauf läuft, versuche ich, auf meiner dunklen Armbanduhr die Uhrzeit zu erkennen. Es ist noch keine stockfinstere Nacht, so dass ich die Straße und meine nähere Umgebung noch erkennen kann, aber doch schon dunkel genug, so dass ich die Uhr leicht schräg halten muss, um im Licht der Scheinwerfer der unter mir fahrenden Autos, erkennen zu können, dass es kurz vor 22:00 Uhr ist.

Ich stoße die Anspannung, die seit unserem Streit auf mir lastet, durch die Nase aus und werde schneller, bis ich renne. Die Brücke vibriert leicht, als ein LKW darunter hindurch saust. Ich laufe weiter, die Brücke hinunter, folge dem Feldweg und lausche dem Knirschen meiner Turnschuhe auf dem frischen Rollsplitt, der vor wenigen Tagen erst aufgefahren wurde.

Der Herbst steht vor der Tür. In ein paar Wochen werden sie den Mais ernten. Ich lasse die Brücke und das Stück mit dem neu aufgebrachten Rollsplitt hinter mir. Mein Atem geht keuchend. Meine Kondition war auch schon einmal besser, denke ich, als ich schwer atmend mein Tempo drossele.

Hier draußen stehen keine Laternen. Ich muss aufpassen, wohin ich trete. Es wird jetzt von Minute zu Minute dunkler, so dass ich nur noch schemenhafte Formen um mich herum wahrnehme.

Ich orientiere mich an den Scheinwerfern der Autos, die auf der parallel zu dem Weg, auf dem ich mich befinde, verlaufenden Autobahn fahren. Ich weiß, dass vor mir das Naturschutzgebiet liegt. Dahinter erleuchten zahlreiche Lichter die Raffinerie in Hemmingstedt. Rechts von diesem Lichtermeer liegt, ebenfalls in einem Lichtkegel, Heide. Der Fernmeldeturm überragt die unzähligen kleinen Lichter der Stadt. Ich weiß, irgendwo links von mir, hinter weiten flachen Feldern, befindet sich Meldorf. Zu sehen ist die Stadt nicht, da ein paar Bauernhöfe die Sicht verdecken. Aber der Himmel über Meldorf verrät, dass unter ihm eine Kleinstadt liegt.

Der Mond versteckt sich hinter den letzten Regenwolken, so dass er keinerlei Lichtquelle bietet.

Ein seltsam unheimliches Gefühl sorgt dafür, dass sich die Haare auf meinen Armen aufrichten. Eine Kuh, auf einer Koppel links von mir, lässt ihre dunkle Stimme erklingen. Unheimlich, denke ich und verlangsame meine Schritte noch weiter. In meinem Nacken breitet sich ein unangenehmes Kribbeln aus.

Fila, hier her“, rufe ich, als sich das unheimlich mulmige Gefühl weiter in mir ausbreitet. Es ist die Dunkelheit, die mich nervös macht, denke ich. Schon als Kind hatte ich Angst im Dunkeln. Ich greife nach Filas Halsband, als ich spüre, dass sie sich gegen mein rechtes Bein drängt. Meine Finger sind eiskalt, bemerke ich, als ich versuche, den Verschluss der Leine an dem schmalen Ring des Halsbandes zu befestigen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bis der Verschluss endlich greift.

Plötzlich zuckt ein heller Blitz über den Himmel. Ich richte mich erschrocken auf, schmeiße den Kopf in den Nacken, um den Himmel nach weiteren Blitzen abzusuchen. In Gedanken zähle ich bis zehn, aber es folgt kein Donner. Stattdessen breitet sich ein merkwürdig grelles, bläuliches Licht um mich herum aus, wie dichter Nebel. Meine Haut prickelt, als würden kleine Stromschläge über mich hinweg fegen. Meine Haare elektrisieren. Ich greife mir panisch mit der freien Hand an Brust, als ich spüre, wie mein Herz aufhört zu schlagen und mir die Luft aus den Lungen entweicht.

Ich verliere die Orientierung. Um mich herum ist nur noch dieses bläuliche grelle Licht, das mich umfängt und blendet. Ich reiße meinen linken Arm schützend nach oben und japse nach Luft, aber da ist keine Luft mehr, die ich einatmen könnte. Ich will schreien, klappe aber lediglich tonlos, wie ein Fisch an Land, den Mund auf und zu. Die Welt um mich herum rückt in weite Ferne. Mein Verstand versucht nach etwas zu greifen, woran er sich festhalten könnte. Eine Erklärung, eine Erinnerung, irgendein Gedanke, aber da ist nichts in mir, nicht einmal mein Name.

Im nächsten Moment spüre ich, wie sämtliche Spannung aus meinem Körper weicht. Hysterisch versuche ich mich, an die Leine in meiner rechten Hand zu klammern, aber meine Finger wollen mir nicht mehr gehorchen. Ein Jaulen und Winseln neben mir, doch mein Verstand kann es nicht zuordnen.

Mein erschlaffter Körper fällt. Entfernt kommt es mir in den Sinn, dass zu fallen auch einen Aufschlag beinhaltet und dass das schmerzhaft werden könnte. Aber es folgt kein Aufschlag. Ich falle einfach nur. Der Weg zum Boden erscheint mir unnatürlich lang. Ich denke, dass mich das beunruhigen müsste, aber ich bin urplötzlich vollkommen ruhig. Sämtliche Gefühle sind aus mir gewichen.

Niemals in meinem Leben habe ich mich so leicht und frei gefühlt. Auf meiner Brust breitet sich ein betörender innerer Frieden aus. Er strömt in meine Arme und Beine, in meinen Kopf und umfängt mich wie die liebenden Arme einer Mutter. Dieses Gefühl tröstet mich, wärmt und liebkost meine Seele und verscheucht jeden Hauch von Traurigkeit aus mir. Ich möchte weinen vor Glückseligkeit, aber meine Augen sind nicht mehr fähig zu weinen. Es fühlt sich an wie ein niemals endender Höhepunkt. Es wird mich zerreißen, all dieses Glück in mir, es wird mich in meine Bestandteile zersetzen, kommt es mir in den Sinn. Aber ich fürchte mich nicht. Und so gebe ich mich diesem befreienden Gefühl einfach hin und falle immer weiter und weiter in das grelle blaue Licht hinab.

 

Kapitel 2 - Tag 1

Ein dumpfer Schmerz im Kopf dringt in meinen friedlichen Geist und das Gefühl von Geborgenheit vor.

Mein Bewusstsein regt sich und verscheucht die Traumbilder. Was für ein verrückter Traum, denke ich. Ich wünschte, ich könnte wieder einschlafen. Das Gefühl der Freiheit, der Grenzenlosigkeit, des Glücks und der Liebe, das meinen Traum durchwoben hat, flammt kurz auf. Aber ich kann es nicht halten. Die trüben Erinnerungen an die Realität verscheuchen die berauschenden Gefühle.

Jan, ist mein erster klarer Gedanke. Ein Stich ins Herz, als die Erinnerung an den Streit sich regt. Dahin ist der Frieden meines Traumes.

 

Jan, der mit verschränkten Armen, gegen die Arbeitsplatte in der Küche gelehnt, da steht. Sein verschlossener Blick, die tonlose Stimme. Er sagt, er ist es leid mit mir zu streiten und wendet sich ab.

Ich spüre den anschwellenden Knoten in meiner Brust. „Ich will nicht streiten. Alles was ich will, ist eine Lösung zu finden.“

Eine Lösung“, murmelt er und starrt auf die dunklen Fliesen zu seinen Füßen. Eine kleine Ewigkeit schweigt er, ehe er wieder aufschaut. Ich wünschte, ich könnte in ihn hinein schauen, seine Gedanken hören, fühlen, was er fühlt – nur für einen Moment. Sein Blick ist hart, doch seine Mundwinkel ziehen sich leicht nach oben zu einem gemeinen Grinsen. „Du willst keine Lösung. Du willst nur, dass ich dir Recht gebe!“

Ich laufe rot an. „Nein“, stoße ich verletzt hervor und spüre, wie sich meine Hände auf der Tischplatte ineinander krallen, „ich suche einen Kompromiss. Warum siehst du das nicht?“ Aber tief in mir weiß ich, dass er Recht hat. Genau das macht das, was er sagt ja so schlimm. Ich sehe nur meine Seite der Geschichte und ich will, dass er meine Wahrheit anerkennt und sich entschuldigt. Seine Wahrheit ist mir egal! Ich schäme mich dafür, kann aber jetzt keinen Rückzieher machen. Warum weiß ich auch nicht, denn eigentlich wünsche ich es mir. Aber da ist dieser innere Drang, dass ich ihn überzeugen muss, dass ich im Recht sein muss und mir keinen Fehler eingestehen darf.

 

Widerwillig schlage ich die Augen kurz auf, schließe sie aber sofort wieder, als Fila mir mit ihrer kleinen, warmen Zunge über die Nase schleckt. „Nein, lass das“, bringe ich, noch heiser vom Schlaf, hervor. Ich spüre, dass sie neben mir steht und mich anschaut. Wahrscheinlich wedelt sie mit ihrer für einen Bully ungewöhnlich langen Rute, unter Einsatz ihres gesamten Hinterkörpers, und wartet darauf, dass ich aufstehe und sie hinaus in den Garten lasse. Wie spät mag es sein? Ich recke mich und halte wie erstarrt inne.

Irgendetwas ist nicht richtig. Ich liege nicht in meinem Bett. Wind streicht mir durch die Haare und kühlt meine Haut an der Stelle, an der Fila ihren müffelnden Sabber auf mir zurückgelassen hat.

Vorsichtig lasse ich meine Hände über den Boden neben mir gleiten und spüre Sand und Steine. Mir stockt der Atem, als mein Bewusstsein kombiniert, dass ich mich im Freien befinde und auf Asphalt liege. Verwirrt reiße ich die Augen auf und fahre hoch. Ich reibe mir die Augen. Helle Pünktchen flackern vor meinen Augen, dann verblassen sie und lassen mich in vollkommener Dunkelheit zurück. Meine Hände gleiten zu der schmerzenden Stelle an meinem Hinterkopf. Ich ertaste eine anschwellende Beule und ein wenig Blut, das aber bereits getrocknet ist. Mein Kopf fährt wild hin und her und versucht etwas zu erkennen. Über mir verdecken dichte Wolken noch immer den Mond. Es ist stockfinster. Nur langsam werden erste Umrisse um mich herum sichtbar. Büsche, die neben mir rascheln, Fila, die direkt neben mir sitzt. Ich glaube zu erkennen, wo ich mich befinde, bin mir aber nicht ganz sicher.

Fila tippelt in gewohnt aufgeregter Art und Weise um mich herum. Ihre Krallen klackern leise auf der Straße.

Ich krame in meinen Erinnerungen, aber alles liegt irgendwie im Nebel.

Was ist passiert?

Da war ein Blitz und dann?

Ich muss gestolpert sein. Wahrscheinlich habe ich mir den Kopf angeschlagen. Ich erinnere mich nur noch an meinen Traum, daran beinahe zersprungen zu sein vor Glück. Für einen winzigen Augenblick breitet sich das Gefühl vollkommener Glückseligkeit in mir aus, verschwindet aber, sobald ich Luft hole.

In meiner Jackentasche taste ich nach dem Handy. Verwundert stelle ich fest, dass es ausgeschaltet ist. Ich halte den kleinen Knopf an der Seite meines Smartphones gedrückt, bis die Melodie erklingt, die mir signalisiert, dass sich das Handy hochfährt. Erleichtert tippe ich den PIN-Code ein und raffe mich auf.

Meine Hose ist feucht an den Stellen, die den nassen Boden berührt haben.

Mist“, fluche ich, als ich versuche, Jan anzurufen und mein Handy mir mitteilt, dass ich keinen Empfang habe. Sonst habe ich hier immer sehr guten Empfang. Manchmal telefoniere ich mit meinen Freundinnen, während ich mit Fila spazieren gehe. Da gab es noch nie Probleme. Ich kann es nicht leiden, wenn die Technik versagt. Ein paar Minuten lang drehe ich mich mit weit ausgestrecktem Arm im Kreis, halte ihn in die Höhe und stelle mich auf die Zehenspitzen, um vielleicht doch irgendwie ein Netz zu bekommen. Aber außer dass ich mir wie eine dieser lächerlichen Personen vorkomme, die wild mit ihrem Handy umherwirbelnd in der Gegend rumstehen, passiert nichts.

Ein Blick auf das Display verrät mir, dass der Akku fast am Ende ist. Trotzdem versuche ich den Weg, mit der eingebauten Taschenlampe, auszuleuchten. Beinahe stolpere ich über Fila, die mir vor die Füße läuft.

Nur langsam komme ich voran, stolpere mehr, als dass ich gehe. Ich fühle mich schrecklich verwirrt, wahrscheinlich habe ich eine leichte Gehirnerschütterung. Jeder Knochen meines Körpers tut weh. Es ist so dunkel um mich herum, dass ich nur das sehe, was der spärliche Schein meines Handys ausleuchtet.

Es ist ein paar Minuten nach Mitternacht, zeigt mir der Blick auf meine Armbanduhr. Genauer kann ich die Zeiger nicht definieren.

Ich kann diese Uhr nicht leiden. Jan hat sie mir im letzten Jahr zum Geburtstag geschenkt und sie hat keinerlei Punkte oder Striche, lediglich zwei Zeiger. Die rechteckige Form macht es mir noch schwerer, die genaue Uhrzeit zu deuten. Eigentlich trage ich sie nur, weil sie hübsch ist.

Die Uhr auf dem Handy funktioniert nicht mehr richtig. Ihr zufolge ist es gerade einmal 22:03 Uhr. Ich glaube jedoch eher der Armbanduhr. Mit dem Handy stimmt definitiv etwas nicht. Ärgerlich.

Zwei Stunden muss ich hier draußen gelegen haben. Ein spitzer Schmerz der Enttäuschung steigt in mir auf, gefolgt von Verzweiflung und Wut, weil Jan nicht nach mir gesucht hat. So egal bin ich ihm also, dass er sich keinerlei Sorgen um mich macht, wenn ich allein in der Nacht umher wandere. Wahrscheinlich liegt er selig schlummernd im Bett und hat nicht einmal bemerkt, dass ich noch nicht wieder zu Hause bin.

Meine Glieder sind vollkommen steif von der Kälte, der Feuchtigkeit oder dem harten Boden, ich weiß es nicht genau. Wahrscheinlich werde ich mich erkälten oder eine Blasenentzündung bekommen, wenn nicht sogar eine schwere Kombination aus beidem.

Schritt um Schritt, folge ich dem Lauf der Straße zurück Richtung Autobahnbrücke. War der Weg schon immer so extrem weit? Jeder Schritt ist eine Qual!

Fila winselt unaufhörlich und springt aufgeregt um mich herum. Sie schleift ihre Leine hinter sich her, deren Haken klirrend über die Straße springt. Ich löse sie und lege mir die Leine um die Schultern. „Und hopp, lauf“, fordere ich sie auf und sie springt aus dem Lichtkegel hinaus. Langsam gehe ich weiter, mühsam darauf bedacht nicht zu stolpern, die Orientierung nicht zu verlieren oder vom Weg abzukommen.

Fila hört nicht auf zu winseln. Schließlich bleibe ich stehen und leuchte mit dem Handy in ihre Richtung. Sie sieht irgendwie aufgebracht aus. Auf ihrem Rücken hat sich das Fell zu einem Kamm aufgerichtet. Wahrscheinlich hat sie Angst bekommen, als ich hingefallen bin und bewusstlos dagelegen habe. Wenn ich wirklich zwei Stunden lang reglos auf der Straße herum gelegen habe, ist es verständlich, dass sie aufgebracht und verstört ist. Was für ein Glück, dass ich nicht überfahren worden bin.

Manchmal fahren hier nachts Pärchen entlang, bis zu der kleinen Aussichtsplattform am Ende der Straße. Sie stellen ihre Fahrzeuge auf den schmalen Parkstreifen und huschen den ungepflegten Weg hinauf zu dem mit alten morschen Holzplanken umrahmten Platz, von dem aus man eine hübsche Aussicht auf den kleinen See hat. Und auf die Raffinerie und die Autobahn, denke ich und schüttele genervt den Kopf. Was sind das für Leute, die sich zu einem romantischen Techtelmechtel auf die Plattform begeben, denke ich angewidert? Dort wird einmal im Jahr, wenn überhaupt, das Gestrüpp abgemäht und der Müll eingesammelt. Es stinkt nach Urin und Kot, leeren Bierdosen und anderem Unrat, benutzte Kondome und Taschentücher liegen an jeder Ecke. Ungeziefer und anderes Getier, über das ich gerade lieber nicht nachdenken möchte, huscht und krabbelt dort herum. Ekel überkommt mich und ich schüttle mich, um die viel zu intensive Vorstellung von Spinnen, Zecken, Schlangen und Co. abzustreifen.

Ich setze meinen schmerzenden Körper wieder in Bewegung. Erinnerungen an glücklichere Tage drängen in mein Bewusstsein. Jan und ich waren vor Jahren, ehe wir das Haus gekauft haben, auch einmal hier draußen bei der Plattform. Aber wir sind im Wagen geblieben, haben geredet und ein bisschen geknutscht. Damals fand ich das romantisch. Aber damals war ich auch noch sehr verliebt in ihn, so sehr, dass es manchmal weh tat, wenn ich ihn angeschaut habe.

Heute frage ich mich, ob all meine Liebe für ihn vielleicht schon aufgebraucht ist? Vielleicht hat man nur eine begrenzte Menge an Liebe für einen anderen Menschen zur Verfügung und mein Liebesakku für Jan ist endgültig am Ende? Ohne Chance ihn wieder aufzuladen? Meine Gedanken schweifen ab.

 

Jan, der mich ausdruckslos anschaut. „Was willst du denn von mir?“

Ich wünsche mir, dass du mich verstehst!“ Meine Augen füllen sich mit Tränen.

Aha, tue ich aber nicht!“

Ich fühle mich so einsam neben ihm. Die Erkenntnis packt mich eiskalt am Herzen und schnürt mir die Luft ab. Warum bin ich nur so einsam, obwohl er direkt vor mir steht? Nur der Tisch und ungefähr zwei Meter Fliesen trennen uns und doch glaube ich, dass er gar nicht wirklich da ist. Was würde ich tun für ein verliebtes Lächeln auf seinem Gesicht, eine haltende Umarmung und ein: „Ich verstehe dich“. Wo ist nur diese unerschütterliche Liebe geblieben, die mich einmal mit ihm verbunden hat?

 

Fila winselt jetzt in immer kürzeren Abständen und reißt mich damit aus meinen Gedanken. „Was ist denn“, wende ich mich ein wenig genervt in ihre Richtung, gehe in die Knie und streichle sie. Fataler Fehler, ich weiß, mit meiner Aufmerksamkeit und der zärtlichen Berührung unterstütze ich gerade ein Verhalten, das ich eigentlich nicht mag. Meine Hundetrainerin wäre jetzt nicht wirklich begeistert und würde wieder sagen, dass Fila kein Mensch, sondern ein Hund ist und ich sie auch so behandeln muss. Und überhaupt habe ich ihr schlechtes Benehmen selbst zu verschulden. Jan würde ihr nickend zustimmen. Aber weder sie noch Jan sind hier und mein Hund ist beunruhigt. Wenn ich also will, dann streichle ich sie. Trotzig ziehe ich sie fester an mich heran und sie schmiegt ihr kleines Köpfchen an meine Knie. Ihr Blick schweift in die Ferne. Ich tue es ihr gleich. Dunkelheit.

Ein seltsames Gefühl breitet sich in mir aus. Nein, es breitet sich nicht erst jetzt aus, es war schon die ganze Zeit da, seit ich aufgewacht bin. Es war nur überdeckt von den Gedanken an Jan und der Verwirrung nach meinem Sturz. Es ist ein Gefühl, als würde gleich etwas Schlimmes passieren. Ein sich zusammen krampfender Magen, ein Schauer im Nacken, eine Vorahnung oder so etwas in der Art, schärfen plötzlich all meine Sinne. Meine Nackenhaare stellen sich auf und ich habe das Gefühl, ich könnte spüren, wie sich meine Ohren ein wenig aufrichten. Ich lausche.

Stille.

Filas winselt.

Stille.

Ich schaue auf den Abschnitt des Feldweges, der vor mir liegt und den ich im Schein des schwachen Handylichtes erkennen kann. Ich weiß jetzt mit absoluter Sicherheit, wo ich mich befinde. Der Abschnitt mit dem Rollsplitt liegt direkt vor mir. Die Autobahnbrücke ist nicht mehr weit entfernt, vielleicht noch fünf oder sechs Meter, dann beginnt die Steigung. Ich fange an zu laufen. Der Rollsplitt unter meinen Füßen knirscht und ich rutsche ein paar Mal ein wenig weg, kann mich aber jedes Mal gerade noch halten. Ich laufe weiter, die Brücke hinauf, die sich in eine leichte Linkskurve streckt. Mein Herz hämmert wild in meiner Brust, als sich meine Hände auf das kühle Metall des Brückengeländers legen.

Dunkelheit und Stille.

Einzig mein panisch klopfendes Herz, das das Blut durch meinen Körper rauschen lässt und in den Ohren wummert, ist zu hören.

Wo ist die Raffinerie? Wo ist der Fernmeldeturm von Heide? Wo sind die Autos, die hier auch in der Nacht über die Autobahn rasen? Ich kann keinerlei Licht, außer dem meines Handys, ausmachen.

Vielleicht ein Stromausfall, der die gesamte Umgebung von Heide einschließt? Müssten die Raffinerie und der Fernmeldeturm nicht irgendeine Art von Notlicht oder so etwas haben? Einen Generator? Das ist doch total gefährlich, wenn da jetzt ein Flugzeug gegen fliegt!

Mein Magen krampft sich zusammen. Am Rande meines Bewusstseins lauert ein Gedanke, ein Gefühl, ein dunkles Etwas, das hereingelassen werden möchte. Doch ich halte die Türen eisern geschlossen, wende mich um und finde mich im nächsten Moment auf der anderen Seite der Brücke wieder. Mein Blick richtet sich nach Süden. Dort müsste Albersdorf liegen.

Keine Autos.

Keine Lichter.

Stille.

Ein leises Wimmern steigt in mir auf. Ich starre auf das Display meines Handys. Weder Netz noch mobile Daten funktionieren. Piep. Piep. Das Display erlöscht.

Mist“, fluche ich. Der Akku hat seinen Geist endgültig aufgegeben.

Ich schließe die Augen und kämpfe die Panik, die in mir aufsteigt, nieder. Das dunkle Etwas, das hereingelassen werden möchte, die böse Vorahnung, trommelt gegen meine inneren Mauern. Ich schüttle den Kopf. „Nein“, bringe ich trotzig heraus und laufe los. Die Dunkelheit ist plötzlich gar nicht mehr so dunkel. Ich erkenne die Umrisse der Straße unter meinen Füßen und folge ihr. Eine Wolke gibt den Mond frei, der mir jetzt als einzige Lichtquelle dient. Fila tippelt neben mir her.

Ich kämpfe mit den Tränen, nicht weil ich traurig bin, sondern weil ich wütend bin. Irgendetwas ist passiert, vielleicht ein Terroranschlag oder der Zusammenbruch des Stromnetzwerkes und Jan liegt selig schlummernd daheim im Bett und hält es nicht für nötig nach mir zu suchen. Dieser Scheißkerl hat mit mir abgeschlossen. Würde er mich auch nur noch ein wenig lieben, dann wäre er jetzt hier bei mir.

 

Findest du mich noch attraktiv?“ Ich versuche die Frage so neutral, wie möglich klingen zu lassen und pflücke ein paar Hundehaare von meinem Shirt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass Jan nicht von seinem Laptop auf schaut.

Klar“, murmelt er und drückt auf eine Taste.

Ich meine, vielleicht bin ich dir zu dick geworden?“ Wieder klinge ich betont gleichmütig.

Hm“, macht er und nickt.

Waaas?“ Erschüttert starre ich ihn an.

Er schaut auf, „was hast du gesagt?“

Ob ich dir zu dick geworden bin!“, wiederhole ich betont langsam. Meine Stimme klingt bedrohlich.

Nö! Hast du denn zugenommen?“ Er hat sich wieder seinem Spiel zugewandt.

Ich schnaube. Klar, dass ihm das nicht aufgefallen ist. Er hat mich seit Monaten kaum angeschaut und im Schlafzimmer ist es immer dunkel. Eigentlich berührt er mich kaum noch. An Sex kann ich mich nicht einmal mehr richtig erinnern. Irgendwann habe ich es aufgegeben aufreizend vor ihm herum zu turnen oder ihn irgendwie anders dazu zu animieren, sich mir körperlich zuzuwenden. Ich habe akzeptiert, dass er wohl kein Interesse mehr an Sex hat oder an mir. Nach 7 Jahren Beziehung ist das vielleicht so. Aber ich bin erst 25 Jahre alt und ich habe Bedürfnisse. Er ist nur zwei Jahre älter als ich. Hat er denn keine Bedürfnisse? Oder hat er jemanden gefunden, an dem er seine Bedürfnisse stillen kann? Jemand, der, beziehungsweise die, nicht ich ist?

Ja, ich hab 10 Kilo zugenommen!“ Sage ich etwas schärfer, als ich es beabsichtigt hatte und spüre, wie weh es tut zuzugeben, dass ich so viel zugenommen habe. Eigentlich versuche ich es ja immer, irgendwie zu vertuschen, ziehe meinen Bauch ein, trage Bauchwegunterwäsche, lege mir abends auf der Couch ein Kissen auf den Bauch.

Jan schaut auf, sieht mich von oben bis unten an und zuckt mit den Schultern. „Sieht man gar nicht. Aber wenn du so unzufrieden mit dir bist, dann mach doch mal ein bisschen mehr Sport.“

Aua, das tut weh. Mein Kopf weiß, dass er es nicht böse gemeint hat und auch, dass er nicht weiß, dass er mir weh getan hat. Warum habe ich auch gefragt? Ich tue mir selbst weh! Ich frage mich ja selbst, warum ich mich nicht aufraffen kann. Warum ich lieber zu Hause vor dem Fernseher sitze und Chips futtere, als joggen zu gehen, ins Fitnessstudio oder vor dem Fernseher herum zu turnen und mal wieder eine meiner TaeBo DVDs einzulegen. Vielleicht weil es so gemütlich ist?

Ich reagiere trotzig. „Wer sagt, dass ICH unzufrieden mit mir bin?“

Hast du das nicht eben gesagt?“

Nein, ich habe gefragt, ob DU mich noch attraktiv findest“, schnauze ich ihn an.

Hm“, macht Jan abwesend. Er starrt auf den Bildschirm vor sich, tippelt angespannt auf der Tastatur herum und flucht, „Mist! Super, jetzt hast du mich abgelenkt!“

 

Die Erinnerung verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist, als Fila und ich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich zu Hause ankommen.

Mein Puls rast, mein Atmen ist ein einziges Keuchen. Auf den Dächern unserer Autos, die in der Auffahrt stehen, spiegelt sich der Mond, der gerade wieder hinter einer Wolke zu verschwinden droht. Neben meinem alten schwarzen Mini steht Jans anthrazitfarbener Ford Fokus RS, neuestes Modell, getönte Scheiben, irgendwelche besonderen Scheinwerfer, mir fällt nicht mehr ein, wie die heißen, eine schrecklich teure Hifi Anlage und etliche andere teure Ausstattungen.

Mein Herz setzt einen Schlag aus, als ich sehe, dass im Haus keinerlei Licht brennt, nicht einmal das Flackern einer Kerze oder des Ofens ist durch die Fenster des Wohnzimmers zu sehen. Ist Jan tatsächlich einfach ins Bett gegangen und hat noch gar nicht bemerkt, dass ich nicht nach Hause gekommen bin?

Die Außenbeleuchtung springt nicht an. Ich bin mir sicher, dass ich sie eingeschaltet habe, als ich das Haus verlassen habe. Meine Emotionen kochen über. „Du Arschloch“, keife ich, während ich den Haustürschlüssel tastend ins Schloss stecke. Da schaltet er einfach die Außenbeleuchtung aus, obwohl er weiß, dass ich noch draußen bin. Das hat er nur gemacht, um mich zu ärgern! Ich hasse ihn in diesem Moment so sehr, dass ich ihm am liebsten mit der Faust ins Gesicht schlagen würde.

Im Haus ist es noch dunkler als draußen. Das Licht funktioniert nicht. Sofort bedaure ich meinen Wutausbruch. Der Strom ist wahrscheinlich wirklich ausgefallen. Jan kann gar nichts dafür, dass die Außenbeleuchtung nicht eingeschaltet ist. Ich schäme mich, weil ich so schlecht über ihn gedacht habe.

Schatz?“, rufe ich. Vorsichtig taste ich mich durch den Flur ins Wohnzimmer und zurück bis ins Schlafzimmer.

Jan?“ Rufend schleiche ich durchs Haus. Doch ich bekomme keine Antwort. In der Küche krame ich in einer Schublade herum, bis ich die Taschenlampe finde.

Jans Handy liegt auf dem Küchentisch. Seltsam. Normalerweise schleppt er sein Handy überall mit hin, sogar mit aufs Klo. Er hat unser Geschirr vom Abendessen auf der Arbeitsplatte stehen lassen. Leiser Groll schwillt in mir an, während ich die Teller in den Geschirrspüler stelle und das Besteck klirrend in den Korb fallen lasse.

Jan“, wütend stoße ich seinen Namen hervor, während ich mit der Taschenlampe einen Raum nach dem anderen ausleuchte. Seine Birkenstocklatschen stehen zwischen Couch und Couchtisch im Wohnzimmer. Eine Flasche Bier, an der er nur genippt hat, steht neben einer scheinbar unberührten Schüssel mit Erdnussflips. Auf der Couch liegen die Fernbedienung für den Fernseher und der Controller seiner Spielekonsole. Mein Blick fällt auf den Ofen. Gegen Abend hatte ich ihn angemacht und als ich das Haus verließ, flackerte ein gemütliches Feuer hinter der Glasscheibe. Doch jetzt liegen mehrere Holzscheite im Inneren, die nur teilweise angebrannt sind und das Feuer ist erloschen. Ich öffne die Tür, das Holz ist trocken, aber da ist keinerlei Wärme. Ich spüre, wie sich mein Gesicht verwundert verzieht und sich Gänsehaut über meinen Nacken und die Arme zieht.

Schatz?“ Ich ziehe das Wort unnatürlich in die Länge, was das zitternde Beben meiner Stimme nicht gerade verdeckt und gehe zurück in den Flur.

Er ist weder im Schlafzimmer, noch im Bad. Sein Arbeitszimmer und mein Yogazimmer im ersten Stock sind ebenfalls verlassen. Der Ärger in mir ist bereit, sich in Form von Tränen hinaus zu kämpfen. Ich schlage mit der Faust gegen die Wand im unteren Flur. Unser Hochzeitsfoto gerät leicht in Schieflage. Ein glückliches und strahlendes Paar, das sich gerade das Jawort gegeben hat. Ich in einem schlichten cremefarbenen langen Brautkleid. Jan in einem dunklen modernen Anzug. Wie sehr wir uns damals geliebt haben. Fünf Jahre ist das jetzt her. Wie schnell die Zeit doch vergeht, denke ich wehmütig.

Ich lasse den Lichtkegel der Taschenlampe den Flur entlang zum Schuhregal und der Garderobe gleiten. Mein Ärger schlägt um in Sorge. Seine Schuhe sind alle da, ebenso wie seine Jacken. Am Schlüsselbrett neben der Haustür hängen seine Autoschlüssel und der Ersatzhaustürschlüssel. Er ist doch nicht ohne Schuhe und Jacke rausgegangen und hat auch noch seine Schlüssel liegen lassen?

Ich überprüfe die Nebeneingangstür, die vom Hauswirtschaftsraum in den Garten führt. Sie ist von innen verschlossen, der Schlüssel steckt sogar noch im Schloss.

In der Küche greife ich nach seinem Handy. Es ist ausgeschaltet, was sehr ungewöhnlich ist. Ich schalte es ein, dankbar, dass ich seinen Pin kenne, und wähle die Nummer seines Bruders. Kein Empfang, das WLAN und das mobile Datennetz funktionieren auch nicht. Nicht einmal den Notruf kann ich wählen. Ich rümpfe die Nase, wie ich es immer tue, wenn ich mich über etwas wundere und kräusele die Stirn.

Eine Weile stehe ich unentschlossen einfach nur so da und starre vor mich hin. Ich habe keine Ahnung, was hier los ist und auch nicht, was ich tun soll. Auf der einen Seite bin ich besorgt, auf der anderen Seite schrecklich wütend. Der Trotz setzt sich schließlich durch. Ich beschließe, ins Bett zu gehen und nicht weiter nach meinem Mann zu suchen. „Dann sieht er mal, wie das ist“, sage ich zu Fila, die in ihr Körbchen im Flur geklettert ist und sich zu einer kleinen Kugel zusammen gerollt hat. Sie zittert leicht. Ich vermute, sie ist noch immer innerlich erregt oder beunruhigt.

Der Wasserhahn im Badezimmer funktioniert nicht. Ich stöhne genervt und spüle mir den Mund mit Mineralwasser aus, ehe ich ins Bett stapfe.

 

Mein altmodischer, laut tickender Wecker zeigt mir, dass es bereits nach 11:00 Uhr ist. Ich recke mich und starre auf den leeren Platz neben mir. Jans Funkwecker auf seinem Nachttisch blinkt tonlos vor sich hin und zeigt an, dass er kein Signal empfängt.

Die Traurigkeit, mit der ich vor ein paar Stunden ins Bett gegangen bin, ist sofort wieder da. Samstag Morgen und ich liege allein in unserem Ehebett. Ich versuche, nicht zu weinen und das krampfende Gefühl der Enttäuschung irgendwie weg zu atmen. Aber es will mir nicht gelingen. Ob er mich verlassen hat? Ist er zu ihr gegangen?

 

Jan greift sich immer wieder nervös an den Hals, während ich rechts neben ihm stehe und ihm Cola einschenke.

Hat dich was gestochen“, frage ich unbedarft und beuge mich vor, um seine Hand zur Seite zu streichen und mir den rötlichen Fleck an seinem Hals genauer zu betrachten.

Sein Gesicht läuft dunkelrot an. „Lass das“, herrscht er mich an und schlägt meine Hand grob zur Seite.

Sein Ausbruch versetzt mir einen Stich ins Herz. Einen kurzen Moment lang gibt er den Blick auf den roten Fleck an seinem Hals frei. Ich taumele, mit weit aufgerissenen Augen, zurück.

Ist das“, stammele ich, mir fehlen die Worte.

Nein“, fährt er mich schroff an. „Kannst du dich nicht endlich hinsetzen? Dein ständiges Rumgezappel geht mir auf die Nerven!“

Das ist ein Knutschfleck“, rufe ich entgeistert aus. Die Erkenntnis, dass all meine Befürchtungen auf Wahrheit beruhen, trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht. Ich wünschte, ich könnte auf der Stelle in ein tiefes Koma fallen und erst wieder erwachen, wenn ich alles vergessen habe und er wieder mein Mann sein will.

Ist es nicht. Das ist vom Handtuch. Ich hab zu doll gerubbelt. Immer diese scheiß Verdächtigungen. Ich hasse das!“ Er springt auf. „Den Appetit hat es mir jetzt auf jeden Fall verdorben.“

Ich stehe noch immer mit weit aufgerissenen Augen da, während er an mir vorbei ins Wohnzimmer stürmt. Langsam lasse ich die Colaflasche auf den Tisch sinken, drehe mich um und gehe in den Flur hinaus, um mich anzuziehen und mit dem Hund zu laufen. Frische Luft wird mir guttun, um runter zu kommen. Ich muss nachdenken, was ich ihm sagen werde ... nein, eher was ich fragen werde. Er hat eine Geliebte, oder doch nicht? Kann man einen Knutschfleck von einem Handtuch bekommen? Einen Moment lang schwanke ich. Habe ich ihm Unrecht getan? Sollte ich mich entschuldigen? Warum ist mir der Fleck nicht schon vorhin aufgefallen?

Wir haben bereits den halben Abend über uns und darüber, wie es mit uns weiter gehen soll, diskutiert. Ich habe jetzt keine Kraft mehr, mich seiner verqueren Logik zu stellen, mit der er mich immer wieder total durcheinanderbringt.

 

Im Haus ist scheinbar niemand gewesen, seit ich heute Nacht nach Hause gekommen bin. Auch der Strom ist noch nicht wieder an.

Jan ist fort! Er ist einfach so gegangen und hat mir nicht einmal einen Zettel hinterlassen. Führt er ein geheimes Doppelleben? Hat er bei seiner Neuen alles, was er braucht und hat deshalb nichts von seinen Sachen mitgenommen? Hat sie ihn abgeholt? Warum sollte er sein heiß geliebtes Auto zurücklassen? Warum sollte er ohne Schuhe gehen? Die eiskalte Mauer in mir baut sich Stein für Stein auf, bis die Gedanken und Gefühle hinter ihr verschwinden und mein Verstand nicht länger in der Lage ist, logisch zu denken. Die Verzweiflung, die sich gerade noch in mir hochkämpfen wollte, wird von Wut überlagert. „Arschloch“, schimpfe ich und gehe ins Bad.

Als ich nach dem Gang auf die Toilette spülen will, bleibt das Wasser aus. Ich stöhne und klappe den Deckel zu, „na super!“

Die Flasche Mineralwasser steht noch auf dem Waschbeckenrand. Ich gieße mir das sprudelnde Wasser über die leicht zitternden Finger und spüle damit die Seife ab, putze mir die Zähne und trotte in die Küche.

Keines der elektrischen Geräte funktioniert. Auf dem Boden vor der Kühl-Gefrierschrankkombi hat sich eine Wasserpfütze gebildet. Ich raffe ein paar alte Tücher zusammen und wische es auf, ehe ich die angetauten Lebensmittel aus dem Gefrierfach nehme und in die Spüle schmeiße. Ich fühle mich eigenartig ruhig, als hätte ich einen leichten Schock. Irgendwo in meinem Inneren tobt ein Sturm aus Wut und Verzweiflung, aber er wagt sich nicht an die Oberfläche. Gedanken überschlagen sich. Ich kann keinen von ihnen wirklich halten und weiter verfolgen. Sie vermischen sich zu einem einzigen Brei und lassen mich stumpf und kalt zurück. Den Boden zu wischen und die Kombi auszuräumen ist so banal, dass es mich irgendwie beruhigt. Nur meine zitternden Finger verraten die unterdrückten Verwüstungen in meinem Inneren.

Im Kühlschrank habe ich einen dieser Espressi gefunden, die man kalt trinkt. Jan liebt dieses süße Zeug. Er trinkt es morgens auf dem Weg zur Arbeit. Ich setze mich damit an den Küchentisch und starre auf die beiden Handys vor mir auf dem Tisch.

Meinen Handyakku kann ich nicht aufladen und das Handy von Jan hat immer noch keinen Empfang. Wieder und wieder frage ich mich, warum er ohne sein Handy gegangen ist? Warum er barfuß unterwegs ist und in seinen Schlumperklamotten? Er ist eher der gepflegte Typ und würde niemals in Trainingshose das Haus verlassen. Er legt unheimlich viel Wert darauf, was andere über ihn denken. Nicht einmal ich dürfte in Schlumperhose das Haus verlassen. Da würde er total durchdrehen.

Meine Finger gleiten über den Bildschirm seines Smartphones. Das Foto eines Strandes mit weißem Sand und klarem Meer im Hintergrund taucht kurz auf. Das hat er im letzten Jahr auf den Malediven aufgenommen. Er hatte sich kurz vor dem Urlaub eine dieser teuren Spiegelreflexkameras gekauft und war den ganzen Urlaub über auf der Suche nach schönen Motiven. Zuhause haben wir uns dann gestritten, weil er zahlreiche seiner Aufnahmen, die er für grandios hielt, ich aber nur für mittelmäßig, im Wohnzimmer aufhängen wollte und ich fand, dass das nicht passt. Danach hat er die Kamera nie wieder angerührt.

Auf der Schutzfolie des Displays sind seine Fingerabdrücke zu sehen. Ich wende den Blick ab, leere die kleine Plastikflasche in meinen Händen, werfe sie in den Mülleimer und gehe ins Badezimmer.

Da aus keiner der Leitungen Wasser kommt, wasche ich mich schließlich schimpfend mit Mineralwasser.

Die Beule an meinem Hinterkopf ist nicht weiter angeschwollen. Das getrocknete Blut spüle ich ebenfalls mit dem Wasser aus der Flasche aus. Es tut zwar nicht sehr weh, aber ich verzichte trotzdem auf einen Zopf, so dass mir die schulterlangen dunklen Haare ein wenig wirr ums Gesicht fallen.

Auf dem Stuhl im Schlafzimmer, über den Jan immer seine Klamotten legt, die er am nächsten Tag noch mal anziehen möchte, fehlt keines der Kleidungsstücke, die er dort gestern Abend zurückgelassen hat. Auch im Kleiderschrank kann ich nichts ausmachen, was fehlen könnte, bis auf die Sachen, die er gestern Abend getragen hat: Trainingshose und Shirt.

Ich ziehe mich an und mache mich schließlich auf den Weg, um mit Fila eine Runde zu laufen.

 

Es ist ungewöhnlich still. Normalerweise sind um diese Uhrzeit an einem Samstag schon ziemlich viele Leute unterwegs, da die Straße hinter unserem Haus direkt ins Grüne führt und von den meisten Hundebesitzern als Gassirunde genutzt wird. Heute begegnet mir niemand.

Als ich auf der Autobahnbrücke ankomme, stockt mir der Atem. Auf der rechten Spur parkt der dunkelblaue LKW einer Spedition, wenige Meter davor ein alter roter Golf. Ich schaue mich um und entdecke weitere Fahrzeuge, die einfach achtlos auf der Autobahn abgestellt wurden. Insgesamt zähle ich fünf Autos und besagten LKW. Weit und breit sind keine Fahrer oder Beifahrer zu sehen. Ich kann auch keine Glassplitter oder Blechschäden sehen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken und ich muss unwillkürlich an eine verlassene alte Stadt im Wilden Westen denken, durch die der Wind heult.

Hallo?“, rufe ich. Doch ich bekomme keine Antwort. Ich beuge mich weit über das Geländer der Brücke und rufe wiederholt.

Stille.

Es ist so verdammt still, dass es mich gruselt. Mein Versuch, irgendwie an der Seite der Brücke hinunter zu kommen, wird durch stachelige Büsche und einen Zaun vereitelt.

Eisige Schauer laufen mir über den Rücken, während ich zurück nach Hause laufe, um den Notruf zu wählen. Ich hatte es schon gestern versucht, aber durch den Stromausfall blieb die Leitung tot.

Zuerst versuche ich es über das Festnetztelefon. Aber es stellt keine Verbindung her. Dann über Jans Handy. Aber auch das Handy wählt nicht einmal raus. Auch nach einem Neustart bleibt es stumm. Ich schaue in sein WhatsApp Verzeichnis und finde zwei Nachrichten, die gestern Abend an mich heraus gegangen sind, aber nicht zugestellt wurden.

21:55 „Schatz, lass uns bitte noch mal reden, wenn du zurück bist.“

21:57 „Es ist nicht so, wie du vielleicht denkst. Ich liebe dich!“

Das Panikgefühl der vergangenen Nacht, das sich am Rande meines Bewusstseins herumgetrieben hat, flammt wieder auf und verlangt Einlass, dieses Mal energischer und mit einer überraschenden Wucht.

Ich sprinte durch den Flur, greife nach meinem Autoschlüssel und knalle der mir aufgeregt folgenden Fila die Tür vor der Nase zu. Hier stimmt etwas nicht!

 

Mit Vollgas rase ich den Inleg entlang.

Nach wenigen Metern wird mir wieder die Ruhe in der Straße überdeutlich bewusst. Normalerweise sind hier, gerade vormittags, und am Wochenende erst recht, immer viele Spaziergänger mit ihren Hunden oder Frauen mit Kinderwagen oder kleinen Kindern auf Laufrädern, unterwegs.

Auch Frau Boje aus Nummer 21, die jeden Tag mit ihrer kleinen Harke und einem Eimer in ihrem Vorgarten herumhantiert und immer irgendetwas zu tun zu haben scheint und deshalb nicht in der Lage ist mich zu grüßen, ist heute nirgends zu sehen.

Kenny, der Hund der Hansens aus Nummer 10, läuft auf dem Gehweg herum und beschnuppert den Friesenwall der Rehders.

An der Ecke zum Fieler Damm kommt mir Max, ein kleiner Yorkshire Terrier, entgegengelaufen. Er gehört zu der unfreundlichen jungen Frau, die jeden Tag mit ihrem Kinderwagen an unserem Haus vorbei schiebt und sich über das Gekläffe meines Hundes beschwert. Er zieht die dunkelblaue Flexleine, mit der er ausgeführt wird, hinter sich her. Ich starre ihm einen Augenblick lang nach, blinke und biege links Richtung Dorfzentrum ab.

Vor den geöffneten Bahnschranken steht ein roter VW Sharan. Ich hupe, als ich bemerkte, dass er keine Anstalten macht loszufahren. Hinter ihm halte ich, und versuche durch die getönten Scheiben irgendeine Bewegung wahrzunehmen. Ich hupe erneut, keine Reaktion. Schließlich steige ich aus. Der Fahrersitz ist verlassen. Der Schlüssel steckt noch im Zündschloss. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Ich sehe mich fragend um und rufe: „Hallo?“

Stille.

Ein erneuter Schauer, der sich von meinem Nacken aus über den Rücken ausbreitet, als hätte ich Flügel, veranlasst mich, zu meinem Wagen zu sprinten, hinein zu springen und an dem Sharan vorbei zu rasen.

Hier und da stehen Autos auf der Straße. Es sind nicht sehr viele und im ersten Moment denke ich, dass sie wahrscheinlich einfach nur parken, aber ein Teil von mir hat ein mulmiges Gefühl.

Als ich links vor der Kirche abbiege und wieder links in die Meiereistraße hineinfahren will, versperrt mir ein dunkelgrüner Passat den Weg. Er steht quer auf der Straße, und ich muss eine Vollbremsung hinlegen, um nicht in ihn hinein zu krachen.

Entsetzt starre ich direkt auf den leeren Platz auf der Fahrerseite. Meine Finger krampfen sich ums Lenkrad. Ich will nicht aussteigen, alles in mir ist in Alarmbereitschaft. Meine Hände legen sich auf die Hupe. Die Lautstärke des Geräusches lässt mich zusammen zucken, aber ich wiederhole meinen Druck auf die Hupe. Und noch einmal und noch einmal, bis ich meine Hand nicht mehr von der Hupe nehmen kann. Irgendwann wird sie leiser und gibt schließlich nur noch ein leises Tröten von sich. Mein Blick wandert über die Häuser, durch die Gärten, die Straße entlang, aber niemand regt sich. Ich nehme nicht einmal das Flattern einer Gardine hinter einem der Fenster wahr.

Übelkeit steigt in mir auf, als meine Füße versuchen, meinen Körper über den Asphalt, auf den Passat zuzubewegen. Etwas tief in mir zittert, so als würde jede meiner Zellen sich gegen diese Bewegung wehren. Trotzdem kann ich nicht anders, als weiter zugehen. Ich starre auf den leeren Fahrersitz. Der Gurt steckt noch in seiner Halterung, als hätte sich der Fahrer angeschnallt und sich dann in Luft aufgelöst. Auf dem Beifahrersitz ist es das Gleiche.

Der Zündschlüssel steckt. Ich öffne mit zitternden Fingern vorsichtig die Fahrertür, löse den Gurt, steige ein und drehe den Schlüssel herum, bis der Motor aufheult. Mit vibrierenden Beinen löse ich meinen Fuß von der Kupplung und trete leicht auf das Gaspedal. Der Wagen setzt sich in Bewegung. Ich fahre ihn an den Straßenrand und parke ihn ordnungsgemäß.

Im Wagen stinkt es nach abgestandenem Zigarettenrauch. Eine halb abgebrannte Zigarette, die in die Mittelkonsole gefallen ist, erregt meine Aufmerksamkeit. Es sieht aus, als wäre sie einfach von allein ausgegangen, niemand hat sie ausgedrückt. Sie hat keinerlei Brandspuren hinterlassen und erweckt den Anschein, als sei sie einfach von einer Sekunde zur nächsten ausgegangen und heruntergefallen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich eine zweite, etwas weiter heruntergebrannte, aber ebenfalls erloschene Zigarette auf dem Beifahrersitz liegen sehe. Auch sie hat keinen Brandfleck hinterlassen.

Unbehaglich schüttele ich mich, gebe einen tiefen gurrenden Laut von mir und springe aus dem Wagen. So schnell mich meine Beine tragen, renne ich zu meinem Mini zurück, als könne er mich vor dem Grauen schützen, das mich tief im Inneren gepackt hat.

Ich greife nach dem Griff der Fahrertür. Ein leises Klirren hinter mir lässt mich zusammen zucken. Mein ganzer Körper ist nun erfasst von einem grausamen Zittern und Schlottern. Meine Zähne schlagen aufeinander, ich bin unfähig mich zu rühren. Grausame Horrorszenarien schieben sich vor meine Augen:

Ein schrecklich entstellter, hinkender Mann mit einem Fleischermesser, nein mit einer Axt in seiner Hand, kommt die Straße herunter gehumpelt. Erstaunlich schnell nähert er sich mir, um sein Werk zu vollenden. Er hat bereits das ganze Dorf abgeschlachtet und jetzt bin ich an der Reihe. Er führt eine tödliche Bestie, mit spitzen Zähnen und stumpfem Fell an einer klirrenden Kette, mit sich. Ein hämisches Grinsen auf den Lippen hebt er die Axt und lässt sie auf mich nieder sausen.

Die Bilder in meinem Kopf erscheinen so grauenhaft real. Mein Puls rast. Ich höre, wie mir das Blut in den Ohren rauscht. Wimmernd halte ich die Luft an, weil mir das Atmen schwerfällt, und hoffe auf einen Herzinfarkt, bevor er mich packt und bei lebendigem Leibe mit seiner Axt in kleine Stücke hackt. Schwarze und rote Flecken tanzen vor meinen Augen, ich kann kaum noch etwas sehen und vermute, dass ich gleich ohnmächtig werde.

Das Klirren kommt näher. Ich fahre mit nach vorn schnellendem Autoschlüssel, den ich mir zwischen die Finger geklemmt habe, wie Jan es mir gezeigt hat, herum.

 

Bailey“, rufe ich und sinke erleichtert herunter auf den Boden. Der graue Weimaraner mit den hellblauen Augen kommt auf mich zu getrottet. Er schleift klirrend seine Leine hinter sich her. Freudig wirft er sich mir zu Füßen und lässt sich von mir den Bauch rubbeln. Ich zittere noch immer am ganzen Leib, aber das samtig weiche Fell zwischen meinen Fingern hilft mir, mich zu beruhigen. Langsam verschwinden die schwarzen Flecken aus meinem Sichtfeld.

Wo ist dein Frauchen, Süßer?“, frage ich ihn mit leiser Stimme. Ich schaue mich suchend um.

Asta, Baileys Frauchen, ist eine gute Freundin meiner Mutter. Ich kenne Bailey schon, seit er vor vier Jahren, als Welpe, zu Asta kam. Hin und wieder habe ich ihn ausgeführt, wenn sie längere Termine hatte und einmal hat er sogar für ein paar Tage bei uns gewohnt, als sie auf Lanzarote im Urlaub war. Jan war natürlich gar nicht begeistert!

Ein Teil von mir weiß, dass Asta nicht gleich um die Ecke kommen wird, um nach Bailey zu suchen. Trotzdem gehe ich mit ihm ein Stückchen die Straße hinauf und rufe nach ihr. Wie zu erwarten war, bekomme ich keine Antwort, also gehe ich zurück zu meinem Mini, öffne die Beifahrertür und schiebe Bailey auf die Rückbank meines Wagens.

Auf dem Fahrersitz bleibe ich noch eine Weile ruhig sitzen und halte die Luft so lange an, bis ich spüre, dass die Panik in mir verebbt. Dann stoße ich den verbliebenen Atem aus und atme vorsichtig wieder ein.

Ich kenne diese Technik aus der Psychiatrie. Ein paar Monate habe ich dort gearbeitet und gelernt, dass es einigen Angstpatienten guttut, wenn sie während einer Attacke die Luft anhalten. Der Körper konzentriert sich dann wieder auf die wirklich wichtigen Dinge und schaltet sozusagen auf Neustart. Es hilft nicht bei jedem, aber bei mir klappt es.

 

Ich biege links in die Kleine Straße ab und halte gut 500 Meter weiter vor dem Haus meiner Eltern.

Der silberne Ford Fusion steht in der Auffahrt. Ich nehme Bailey mit. Die Klingel funktioniert nicht, also schließe ich die Tür mit meinem Notfallschlüssel auf.

Im Flur schlägt mir ein ekelhafter Geruch entgegen. „Mama? Papa?“, rufe ich und erhalte keine Antwort. Der Geruch scheint aus dem Wohnzimmer zu kommen. Als ich die Tür öffne, springt Alvin, der gelb getigerte Kater meiner Eltern, mir fauchend entgegen. Er hat sich auf mehrere Stellen des plüschigen Läufers erleichtert. Ich schlage mir die Hand vor den Mund und eile schnellen Schrittes auf die Terrassentür zu, um frische Luft hereinzulassen. Dann zerre ich den Läufer hinaus auf die Terrasse.

Alvin, der im Flur auf Bailey getroffen ist und fauchend und buckelnd vor ihm zurückweicht, schießt an mir vorbei in den Garten. Bailey beschnuppert inzwischen interessiert die Kothäufchen.

Aus“, schimpfe ich und dränge ihn zurück ins Wohnzimmer. Mir ist schlecht. Ich mag den Geruch von Katzen eh nicht und jetzt diese Sauerei. Auf der Couch ist ein Urinfleck. Mama wird ausrasten. Ein Würgen steigt in mir auf. Ich eile in die Küche, auf der Suche nach irgendeinem Spray oder Küchentüchern und finde stattdessen eine offene Mikrowelle vor, in der ein kaltes Dinkelkissen liegt.

Eigentlich kann ich mir jetzt schon sicher sein, dass meine Eltern nicht zu Hause sind. Meine Mutter hätte Alvin niemals im Wohnzimmer eingesperrt und das Dinkelkissen brauchte sie wahrscheinlich, weil sie Rückenschmerzen hatte. Ein Stich tief ins Herz lässt mich kurz innehalten.

Mama. Papa“, schluchze ich und zum ersten Mal, seit ich in diese schockierende und vollkommen irreale Lage geraten bin, steigen dicke Tränen in mir auf und kullern mir über die Wangen. Trotzdem laufe ich noch durchs Haus, betätige Lichtschalter und Elektrogeräte, die allesamt nicht funktionieren und rufe nach meinen Eltern. Im Badezimmer ist der Wasserhahn noch geöffnet, aber es kommt kein Wasser heraus. Eine rosafarbene, mit getrocknetem Schaum verschmierte Zahnbürste liegt auf dem Rand des Waschbeckens. „Mama“, flüstere ich mit tränenerstickter Stimme.

Das Fenster im Schlafzimmer ist geöffnet. Papa lässt abends gerne noch frische Luft in den Raum. Mama schließt es dann, wenn sie ins Bett kommt.

An der Wand neben dem Fenster lehnt ein noch verpacktes neues Fliegengitter. Ich war letzte Woche Freitag mit Mama im Baumarkt und habe ihr geholfen es auszusuchen. Jan wollte es am Mittwoch anbauen. Aber ihm war mal wieder etwas dazwischen gekommen, ein Onlinespiel mit einem Kumpel aus Bundeswehrzeiten.

Mach ich Montag nach der Arbeit“, hatte er gesagt, ohne aufzuschauen. Auch deshalb hatten wir gestritten.

Die Nachttischlampe auf der Seite meines Vaters ist eingeschaltet, aber die Lampe leuchtet nicht. Ein zugeklapptes Buch liegt auf dem Fußboden neben dem Bett, die Therapie von Sebastian Fitzek. Papa liebt Krimis. Er hat das Buch von mir vor drei Wochen zum Geburtstag bekommen.

Ich schmeiße mich auf das Bett, krieche unter seine Decke und sauge seinen Geruch aus dem Kopfkissen in mich ein, während ich schluchzend daliege. „Papa“, wimmere ich.

 

Nach einer Stunde oder auch zwei kommen keine Tränen mehr. Ich schluchze noch hin und wieder trocken auf, starre aber mehr oder weniger nur an die Holzvertäfelung der Decke. Das habe ich als Kind auch immer getan. Wenn ich am Wochenende früh aufgewacht bin, schlich ich mich ins Schlafzimmer meiner Eltern. Ich kuschelte mich zwischen Mama und Papa und weil ich nicht wieder einschlafen konnte, habe ich die Bretter an der Decke gezählt und in den Maserungen nach Figuren gesucht.

 

Du hast eine so lebhafte Fantasie, mein Spatz“, sagt Papa und krault meinen Kopf. „Und was hast du noch Neues entdeckt?“

Ich strecke meinen Arm aus und zeige auf einen Fleck direkt über ihm. „Schau, da ist ein Schmetterling. Ich hab ihn erst entdeckt, als die Sonne heller wurde. Ist er nicht wunderschön?“

Mein Vater kneift die Augen zusammen, kann ihn aber nicht entdecken. Ich stehe auf und hüpfe unter der Holzmaserung, die in meinen Augen die Form eines Schmetterlings hat, auf und ab. Papa wird ordentlich durchgeschüttelt. Er richtet sich auf und hebt mich hoch, damit meine Fingerspitzen die Decke berühren können.

Siehst du, Papa, hier!“ Rufe ich aufgeregt und umfahre die Form mit dem Zeigefinger der linken Hand.

Er lässt sich zurück ins Bett fallen und schließt mich in seine Arme. „Tatsächlich. Meine Güte, nun schlafe ich schon so viele Jahre hier und mir ist noch niemals aufgefallen, dass über mir ein Schmetterling schwebt.“

Ich gurre vor Freude, „Ein Glück hast du mich.“

Papa strahlt mich an. „Ja, ein Glück hab ich dich!“ Dann bekomme ich einen Kuss auf die Stirn.

 

Bailey hat sich zu mir hinauf ins Obergeschoss gewagt. Eigentlich steigt er nicht gern Treppen, vor allem nicht diese steile und enge Treppe. Er hätte auch in den Garten hinaus laufen können und von dort aus weiter auf die Straße. Es wäre ganz einfach gewesen sich aus dem Staub zu machen, aber er hat es nicht getan. Er ist hier bei mir und nun krabbelt er zu mir ins Bett, kuschelt sich an mich und schaut mich aufmerksam an. Ich schenke ihm ein Lächeln. „Nach Hause?“, frage ich ihn und er hebt erwartungsvoll seinen Kopf. Er kennt das Wort, denke ich und schaue ihm dabei zu, wie er aus dem Bett springt.

Meine Armbanduhr zeigt, dass es ungefähr 16:15 Uhr ist. Fila ist seit Stunden allein zu Hause. Ich wühle mich aus dem Bett und überlege, kurz ob ich es ordnen sollte, falls doch noch jemand zurückkommt. Ein hysterisches Lachen bahnt sich seinen Weg aus meiner Kehle. Zurückkommen? Von woher? Mein Verstand versucht, seit Stunden zu begreifen, was eigentlich passiert ist und findet keine vernünftige Erklärung. Eigentlich kommt er nicht einmal wirklich über die Frage: „Was ist hier los?“, hinaus oder die Vermutung, dass das alles ein Traum, ein riesiger Irrtum oder irgendein schlechter Scherz der Versteckten Kamera ist. Aber nein, ein Scherz ist es auf keinen Fall. Egal wie weit andere gehen würden, um mich zu veräppeln, Mama und Papa hätten dabei niemals mitgemacht. Sie wissen, wie sensibel ich bin!

Bailey hat Angst die Treppe wieder herunter zu gehen. „Rauf ist leichter als runter“, sage ich zu ihm, erinnere mich daran, dass Mama das früher immer zu mir gesagt hat, und greife nach seinem schwarzen ledernen Halsband, um ihm zu helfen und ihm Halt zu geben.

 

Wir fahren nicht auf direktem Weg nach Hause. Stattdessen rolle ich mehr, als dass ich fahre, durch ganz Nordhastedt, von Straße zu Straße, hupend, rufend, lauschend. Ich sehe Hunde, Katzen, Vögel, sogar ein Eichhörnchen huscht durch einen Vorgarten und verschwindet in einer Baumkrone. Doch nicht eine Menschenseele ist zu sehen. Hin und wieder steige ich aus dem Wagen, klingle an Haustüren, klopfe an Scheiben, schreie so laut ich kann. Niemand reagiert auf mich.

Das kann doch nicht sein“, sage ich immer wieder zu Bailey, der es sich auf dem schmalen Rücksitz gemütlich gemacht hat und schüttle den Kopf. Er gähnt nur müde und schaut mich blinzelnd an.

Immer wieder packen mich hysterische Lachanfälle, dann bin ich wieder den Tränen nahe. Ich weiß, dass das unmöglich sein kann, aber bin ich etwa mutterseelenallein auf der Welt? Mein Verstand arbeitet auf Hochtouren, aber er kommt zu keinem vernünftigen Ergebnis. Mein Sonnengeflecht fühlt sich abwechselnd beengt und panisch und im nächsten Moment wieder erschreckend befreit an.

Wenn ich wirklich allein bin, wo sind dann all die anderen geblieben? Sie können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben! Oder doch? Was soll ich denn jetzt tun? Ich kann doch nicht einfach nach Hause fahren und mein Leben weiter leben, oder? Irgendetwas muss ich doch tun, um die anderen zu finden oder zurückzuholen. Aber was? Es würde ja schon helfen, wenn ich wüsste, was überhaupt passiert ist.

Ich lenke den Wagen Richtung Albersdorf. Nur ein einziger Wagen steht verlassen am Straßenrand auf der großen Hauptstraße. Als ich in die Bahnhofstraße abbiege, muss ich eine Vollbremsung machen, weil zwei Fahrräder auf der Straße liegen. Ich räume sie zur Seite und setze meinen Weg zu Jans Bruder Erik und dessen Frau Ela fort.

Wie in Trance laufe ich ums Haus, hämmere an Türen und Fenster und finde schließlich die Tür vom Wintergarten unverschlossen vor. Zögernd trete ich ein. „Ela? Erik?“ Innerlich leicht geduckt, schleiche ich von Raum zu Raum. Ich komme mir vor wie ein Einbrecher. „Ist jemand daheim?“ Die Bettdecken im Schlafzimmer sehen zerwühlt aus. Auf dem Boden vor dem Bett liegen achtlos hingeworfene Klamotten. Ein pinkfarbener BH und ein dazu passender Slip liegen oben auf dem Haufen. Ich spüre, wie sich meine Augen weiten und mein Mund sich weit öffnet. Auf dem Bett liegen Liebeskugeln, eine Gerte, Handschellen und ein Dildo, eine geöffnete Tube Gleitcreme daneben. Ich laufe dunkelrot an und flüchte zurück in den Flur, wobei ich die Tür hektisch zuknalle. Das Kopfkino, das sich sofort einschaltet, schüttle ich energisch ab. Was hinter verschlossenen Türen stattfindet, sollte auch dortbleiben!

Einen winzigen Augenblick lang überlege ich, ob ich in die leer stehenden zukünftigen Kinderzimmer schauen sollte, entscheide mich aber binnen einer Sekunde, dass ich schon genug gesehen habe, und sehe zu, dass ich so schnell wie möglich das Haus verlasse.

Ich fühle mich schrecklich schuldig, weil ich in Elas und Eriks Privatsphäre eingedrungen bin. Wie soll ich ihnen jemals wieder in die Augen schauen?

Sobald ich wieder hinter dem Lenkrad sitze, weine ich still vor mich hin. Ein Blick in den Rückspiegel zeigt mir, dass meine Wangen gerötet sind. Meine Augenlider sehen verquollen aus. Meine Hände zittern. In mir verebbt der Adrenalinspiegel gerade. Ich bin erschöpft und müde.

 

Als ich meinen Wagen auf unsere Auffahrt lenke, wird mir schlagartig bewusst, dass ich jemanden brauche, der mir sagt, was ich tun soll. Ich bin vollkommen unfähig Entscheidungen zu treffen, die über die Wahl meiner Kleidung, meiner Mahlzeiten, Urlaubsplanung, Verabredungen und so weiter hinaus gehen. Ich bin unfähig einfach so zu leben, ohne Anweisungen, ohne gesellschaftliche Auflagen oder Vorgaben, ohne meinen Mann, meinen Arbeitgeber, meine Eltern, meine Freunde oder den Rest der Gesellschaft.

Wieder und wieder schüttle ich den Kopf. „Bitte“, flehe ich, „bitte, sag mir doch jemand, was ich jetzt tun soll!“ Ich stütze den Kopf in die Hände und weine eine Weile laut schluchzend vor mich hin. Bailey leckt mir die salzig feuchten Finger ab.

 

 

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Kommentare

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  • Anja Munz (Mittwoch, 22. Februar 2017 22:57)

    Das ist total super geschrieben, und mega spannend, aber ich will jetzt wissen, wie es weiter geht...gibt es das Buch zu kaufen? Lg Anja

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